Unterwegs essen (Motorrad-Camping)

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TLab3000
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Unterwegs essen (Motorrad-Camping)

Beitrag von TLab3000 » Di 28. Mär 2017, 22:12

Da ich ja nahezu Null Erfahrung als Motorradfahrer, dafür umso mehr im Bereich Bushcraft habe, dachte ich mir, ich kann vielleicht auf diese Weise zum Forum irgendwie beitragen.

Wenn mich jemand fragt, warum ich denn den Führerschein machen möchte, fällt mir ehrlich nur die abgedroschenen, alten (und vielleicht nicht ganz wahren) Antworten ein: Das Gefühl der Freiheit, den Wind um die Nase spüren, to boldly go, where no car-driver has gone before und dabei die Umwelt viel direkter zu erfahren, als es im Auto möglich ist. Zur Freiheit, einfach drauf los zu fahren oder wandern, gehört für mich auch, überall hingehen zu können wo ich will, ohne mich um Karten, Termine oder gar Öffnungszeiten von Gaststätten kümmern zu müssen. Als Bushcrafter hat man sein Essen immer dabei oder weiß, wo man es findet.

Bushcrafter und Motorradfahrer haben dabei ähnliche Probleme: Der Stauraum ist begrenzt und man möchte nicht so viel Gewicht mit sich führen. Beim Motorrad kommt noch dazu, dass der ein oder andere nicht unbedingt mit einer Gaskartusche oder sonstigen Brennstoffen in der Satteltasche fahren möchte. Für beide Gruppen gibt es jedoch eine Lösung, die IMHO ideal ist und die ich hier vorstellen möchte.

Feuer
Zum Kochen bieten sich Hobo-Kocher und Holzvergaser an. Diese sind klein, relativ leicht und in der Falt- oder Steckform auch äußerst platzsparend. Es handelt sich dabei um kleine Öfen, die mit Holz oder alternativ auch zum Beispiel mit Brennpaste oder Spiritus betrieben werden können.
Im Hobo-Kocher werden kleine Holzstücke verbrannt, der Kamineffekt sorgt für eine hohe Effizienz, ein halber Liter Wasser kann innerhalb weniger Minuten zum Kochen gebracht werden und alles was man dazu braucht, sind ein paar kleine Zweige, die man fast überall finden kann. Selbst feuchte Zweige funktionieren, auch wenn das dann natürlich mehr qualmt. Der bekannteste Vertreter hierzulande ist sicher die Bushbox, die in der einfachsten Form 1 x 9 x11,5 cm³ klein ist und ca. 260 g wiegt. Es gibt auch größere oder leichtere (Titan) Modelle. Ich persönlich habe einen Procul, der vielseitiger ist und meiner Erfahrung nach bei richtiger Konfiguration besser zieht.
Der Holzvergaser geht noch eine Nummer weiter. Grundsätzlich funktioniert er ähnlich wie ein Hobo-Kocher, ist aber meistens rund und vor allem doppelwandig gebaut. In dieser Doppelwand kann erwärmte Luft, bzw. ein Luft-Holzgas-Gemisch nach oben wandern und über Öffnungen austreten, wobei eine Zweitverbrennung eintritt. Theoretisch ist der Holzvergaser also noch effizienter. In der Praxis wirkt sich das aber nicht so sehr auf die Kochzeiten aus - allerdings ist die Rauchentwicklung im Idealfall fast nicht vorhanden, und das sollte nicht unterschätzt werden. Generell möchte man mit einem Feuer nämlich möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen. Dazu schreibe ich unten noch etwas.
Typische Holzvergaser (Solo Stove, Toaks, Lixada...) sind nicht schwerer als normale Hobo-Kocher, brauchen aber durch die runde Form vermeintlich mehr Platz. Tatsächlich passen sie gerade durch die Form oft gut in Töpfe oder größere Becher und man kann auch beim Transport Sachen in sie reinstecken.
Anzünder sollte man auf jeden Fall bei sich haben. Besonders gut eigenen sich klassische Grillanzünder aus Holzwolle und Wachs oder aber Watte mit Vaseline. Von dem Tipp, ein Teelicht unter den Hobo zu stellen, kann ich nur abraten. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass das zu einer Wahnsinnssauerei führen kann.

Essen
Ach ja, das waren noch Zeiten! Als 16-jähriger wusste ich natürlich: Die Garzeit einer Schale Cevapcici beträgt ca. 2 km bei 50 km/h - zumindest am Auspuff meiner Hercules L50 (der ich übrigens immer noch nachtrauere).
Mit einem Hobo lässt sich doch wesentlich besser kochen. Das Optimum aus Gewicht, Größe und Geschmack gibt es in Form von dehydrierter Nahrung. Besonders lecker sind die Gerichte von Adventure Food, Trek'N Eat und Mountain House. Natürlich gibt es noch viele weitere Hersteller, die ich noch nicht alle probiert habe. Allerdings ist das Essvergnügen nicht unbedingt billig - eine Packung kostet im Regelfall um die füf bis sieben Euro und reicht für einen hungrigen Timo oder zwei dürre Hungerhaken.
Wenn es schon etwas aus der Dose sein muss, dann bitte von dosenbistro.de.
Die bei Bushcraftern verbreiteten Notnahrungsriegel (NRG-5, BP-5) dienen hauptsächlich der schnellen Kalorienzufuhr und sind für den typischen Motorradcamper, wenn es so etwas gibt, eher nicht geeignet.

Wasser
Wie kommt das Wasser nun wieder in die dehydrierte Nahrung? Man schleppt dieses ja nicht literweise mit sich herum! Ist aber auch nicht nötig. Zumindest Quellwasser kann man in Deutschland überall bedenkenlos trinken, und beim Kochen wird es ja zusätzlich noch erhitzt. Auch das Wasser aus Gebirgsbächen könnte man theoretisch einfach so trinken - aber wer weiß, vielleicht liegt 50 m stromaufwärts ein verwesendes Tier im Bach? Sinnvoller ist es allemal, das Wasser zusätzlich zu filtern, und zwar am besten mit einem Sawyer Squeeze Mini Wasserfilter. Dieser ist nicht mal faustgroß, wiegt nur 56 g und filtert alles aus, was kleiner als 0,1 Mikron ist. Die passenden Trinkbeutel sind unzerstörbar, da kann ich mit meinen 100 kg drauf rumspringen und nichts passiert! Generell sollte das Teil viele Jahre oder gar Jahrzehnte anstandslos funktionieren, da sich der Filter mit gefiltertem Wasser rückspülen und somit immer wieder frei machen lässt.

Geschirr, Besteck
Hier kann man fast alles nehmen. Bushcrafter greifen wegen des Gewichts eher zu Titan, aber auf die paar Gramm sollte es dem Motorradfahrer eigentlich eher nicht ankommen. BW Kochgeschirr mit Feldflasche reicht in den meisten Fällen, größeres Armeekochgeschirr kann man verwenden, wenn man den Platz dafür hat - hier dienen die Deckel zudem als Teller und Pfanne. Als Besteck bieten sich Sporks an - eine Kombination aus Löffel und Gabel. Ein (Taschen-)Messer sollte man man eh jederzeit dabei haben. Alles andere eventuell benötigte schnitzt man sich vor Ort.

Auf zur Tat!
Ich habe ja das Privileg, am Fuße des Schwarzwalds zu leben. Ich kann jedem nur empfehlen, einfach mal fast planlos in den Schwarzwald, die Vogesen oder was es bei euch in der Nähe gibt zu fahren. Wenn es euch irgendwo gefällt, steigt ab, geht spazieren, macht euch einen schönen Tag oder zwei. Mit dem genannten Equipment könnt ihr euch Zeit lassen und müsst nicht zum Abendessen wieder daheim sein. Und wer nun noch einen Schlafsack und Isomatte dabei hat, sollte sich auch mal eine Übernachtung im Wald gönnen. Einziger Wermutstropfen: Am Ende der Tour winkt kein kühles Bier. Aber das ist es wert!
Falthobo, Feldflasche und Filter sollten bequem in jedem Tankrucksack Platz finden. Bei Holzvergaser und richtigem Kochgeschirr bräuchte man schon eher Satteltaschen oder ähnliches.

Abschließend noch ein paar Grundsätze:
Feuer darf prinzipiell nur an ausgewiesenen Feuerstellen gemacht werden, und das auch nur, wenn keine erhöhte Waldbrandgefahr besteht. Bundesländer und Kommunen haben eventuell abweichende, strengere Regeln. Ein Feuer sollte nie größer sein, als es unbedingt sein muss und darf niemals unbeaufsichtigt bleiben. Wenn man ein Feuer macht, dann bitte an einer Stelle, an der es erwartet wird, sonst holt noch ein Rauch riechender oder sehender (siehe oben, "Holzvergaser") Spaziergänger den Förster oder gar gleich die Feuerwehr, und das kann teuer werden. Das Thema ist komplex und nicht unumstritten, bei Fragen sollte man sich die Videos von Kai "Sacki" Sackmann oder "Ein Mann im Wald" Ben ansehen. Andererseits muss ich sagen, dass ich wegen eines kleinen, kontrollierten und mit Verstand angelegten Feuers an ungefährlicher Stelle noch nie Probleme bekommen habe. Der Föster akzeptiert einen Hobo-Kocher viel eher als ein richtig offenes Feuer!
Wasser bitte möglichst quellnah entnehmen. Wasser aus stehenden oder seltsam riechenden oder aussehenden Gewässern sollte auf keinen Fall genutzt werden, wenn man nicht ganz genau weiß, was man tut. Auch Wasser aus Gegenden mit Landwirtschaft (Dünger) sowie aus Städten ist zur Nahrungszubereitung zu meiden.

Viele Grüße und viel Spaß da draußen

Timo

Brynhild
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Re: Unterwegs essen (Motorrad-Camping)

Beitrag von Brynhild » Do 30. Mär 2017, 01:09

Hallo Timo
Vielen Dank für deine schönen Tips. Schön, dass auch dieses Thema hier mal angesprochen wird. Als ehemalige Wildnisführerin ist es für mich interessant zu lesen, wie man das Gepäck noch mehr dezimieren kann. Mit dem Kanu kann man glücklicherweise doch noch ein paar Gramm mehr mitschleppen. Und beim Moped muss man nur das Bier rechtzeitig vor Ende der Tour in ein nasses Tuch gewickelt auf den Gepäckträger schnallen :mrgreen:

Zum dehydrierten Essen kann ich noch ein paar Hinweise geben, denn man kann vieles selber daheim trocknen, ohne beim Experten tief in die Tasche greifen zu müssen. Am einfachsten geht es, wenn man zuhause noch im 70er-Retrostyle heizt, nämlich mit Nachtspeicherheizung. Dazu brauchts noch ein Brett, zwei Holzklötzchen und Grillschalen. Das Brett auf die Heizung, die Klötzchen drunter und schon ist die Trockenanlage fertig ;-) Sinnvoll wäre es natürlich, die Trocknerei in die Winterzeit zu legen. Dann wird der Strom gleich doppelt verwertet. Andere Heizungen sollten auch funktionieren,aber der Aufbau muss vielleicht etwas durchkonstruiert werden. Außerdem benötigt man einen Schnellkochtopf und diverses Gemüse.

Am einfachsten sind Buschbohnen. Im Garten ernten, putzen und für den Winter einfrieren. Dann, wenn die Heizung läuft im gefrohrenen Zustand auf die Grillpfannen und zwischen Heizung und Brett schieben. Auf meiner alten Nachtspeicheranlage waren die meistens schon nach wenigen Stunden komplett getrocknet.

Lauch ist ebenfalls genial zum Trocknen: Die Stange einfach in Ringe schneiden und auf die Grillpfannen. Gibt super Würze in jedem Eintopf!

Pilze: geht auch schnell. Aber möglichst Sorten verwenden, die nicht so viel Wasser enthalten. Steinpliz, Riesenschirmling, Champigons ... Putzen, in Scheiben schneiden und rein in den Heizungsofen.

Kürbis: Den in gleichmäßige, dünne Scheiben zu schneiden ist nicht so einfach. Ich nehme lieber eine grobe Raspel oder einen Hobel und arbeite das Zeug direkt auf die Grillpfannen. Trocknet ganz schnell und kann später direkt in den köchelnden Eintopf gegeben werden. Gibt dem noch etwas Farbe, Fülle und vor allem Geschmack.

Äpfel sind auch nicht schwer. Entkernen, in Scheiben schneiden, mit Zitronensaft oder Zitronensäure beträufeln und auf die Grillpfannen. Achtung: wenn die Scheiben zu dünn sind, werden ganz schnell knusprige Apfelplätzchen draus. Die Scheiben werden natürlich braun. Die schönen hellen weichen aus dem Laden sind zusätzlich geschwefelt. Aber sie schmecken auch ohne Schwefel :-)

Und nun kommen wir zur hohen Kunst des Dehydrierens: Gemüse, die sich an der Luft verfärben müssen vor dem Trocknen blanchiert werden. Und dazu benötigt man den Schnellkochtopf mit Dampfeinsatz (Für die Herren, welche lieber in der Werkstatt als in der Küche stehen: Das ist der Einsatz mit den Löchern im Boden)

Kartoffeln: schälen, in Scheiben schneiden (nicht zu dick! So wie für Kartoffelsalat - schwäbischen selbstverständlich. Nicht solche Klötzchen, wie man sie gelegentlich bei den Norddeutschen in Majo ertränkt findet.) Die kochfesten Kartoffeln in den Dampfeinsatz, etwas Wasser in den Kopf (nur einen Finger breit), Deckel fest zu und je nach Dicke der Scheiben drei bis fünf Minuten dünsten. Fertig sind die Kartoffeln, wenn auch die Mitte der Scheiben glasig und nicht mehr milchig aussieht. Aber auf keinen Fall gar kochen. Dann zerfallen sie. Raus aus dem Dampf und auf die Grillschalen. Die Kartoffeln können schon mal ein paar Tage in dem improvisierten Ofen vor sich hintrocken. Wenn sie sich dunkel verfärben, sind sie nicht lang genug gedämpft worden. Das Ergebnis sind steinharte, goldgelbe Stücke, die sich später nach dem Hydrieren fantastisch für Kartoffeleintopf oder Bratkartoffeln eignen.

Karotten: mein Favorite! Putzen, in Scheibchen schneiden (2-3 mm), blanchieren und trocken. Es bleiben kleine, harte, verkrumpelte und herrlich orangene Stückchen über, die Farbe und Geschmack über Monate hinweg behalten. Nach dem Hydrieren in den Eintopf oder lecker mit Butter und Petersilie angebraten ... miam miam!

Dehydriertes Gemüse am besten in möglichst dunklen Stoffsäckchen (niemals über längere Zeiten in Tüten) aufbewahren.

Vieles bekommt man auch direkt im Supermarkt. Man muss nur wissen, auf was man achten soll.

(Kicher)Erbsen z.B. gibt es in Varianten, die eine ganze Nacht lang eingelegt werden, aber auch in anderen Ausführung, die nur ein oder zwei Stunden im Wasser ziehen müssen. Fertige Erbswurst ist übrigens eine interessante, kostengünstige und platzsparende Variante.

Kartoffelbreipulver: Das gibt es mit und ohne Milchpulver. Da man aber nicht unbedingt eine Milchflasche dabei hat, besser den mit Milchpulver kaufen. Ein wenig Muskat, ein Schuss Öl und Dill dazu und das Kapü schmeckt richtig fein.

Augerbingen gibt es getrocknet beim Türken. Lassen sich gut anbraten.

Tomaten: ebenfalls getrocknet beim Türken. In Olivenöl und Essigessenz mit ein paar Kräutern eine halbe Stunde einlegen und ihr habt eine feine Vorspeise oder Salatersatz.

Natürlich passt ein Stück Bauchspeck oder Schinken auch noch irgendwo ins Gepäck

Brot: (Weizen)Mehl, Olivenöl, Salz, Backpulver, etwas Wasser in der Pfanne gebacken und der Tag kann beginnen. Oder Abends als Stockbrot am Lagerfeuer.

Tütensuppen: sind natürlich etwas phantasielos. Aber: Tomatensuppe, fertig aus der Tüte und dazu Reis. Ist auch mal lecker und macht satt.
Außerdem gibt es so kleine Tütensuppen, die nur mit heißem Wasser (aus der Thermoskanne) aufgegossen werden (bitte nicht die 5-Minuten-Terine in den doofen Plastikbechern - das gibt nur unnötig viel Müll). Eignet sich wunderbar als kleiner, wärmender Pausenimbis nach anstrenger Kurvenfahrt oben auf der Passhöhe zwischen den Schneebergen

sonstiges Zubehör: getrocknete Kräuter in Filmdöschen, Essigessenz, Olivenöl, Röstzwiebeln, Zucker, Salz, Müsli, Milchpulver, löslicher Kaffee, Tee nach Belieben ...

UND GANZ WICHTIG: ihr braucht einen KÄSEHOBEL! Besonders die Herren essen sonst nämlich gerne Käse (in dicken Scheiben runtergeschnitten) mit Brot. Mit einem Käsehobel gibt es Brot mit Käse und ihr müsst viel weniger Käse mitschleppen :mrgreen: Außderdem eignet sich der Käsehobel auch durchaus als Duetto (Bratwender)

So ausgestattet ist man problemlos eine Woche lang unterwegs ohne unterwegs einen Großeinkauf tätigen zu müssen. Darben ist da definitv nicht angesagt :D
"Sie sind ein Mensch. Sie haben die Freiheit zu entscheiden"

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